Geschichte: Der Schweinehirt im Birnbaum

Es war einmal eine böse, bitterböse Königin, deren Herz von Hass und Missgunst erfüllt war. Und ihr liebster Zeitvertreib war es, ihren Dienern und Untergebenen unlösbare Aufgaben zu stellen, Rätsel, deren Antworten nicht einmal ihre klügsten Berater und Wesire wussten. Und jedem, der versagte, der die Aufgaben der Königin nicht bewältigen konnte, drohte die schlimmste Strafe, bis hin zum Tod.

Eines Tages rief die Königin zwei ihrer Diener zu sich und befahl: „Kocht mir ein Hammelfleisch, ein wunderbar zartes Hammelfleisch. Doch hört, ich will, dass ihr das Hammelfleisch aus Steinen kocht. Schafft ihr das nicht, so seid ihr des Todes!“

Die Diener erschraken: Hammelfleisch aus Steinen zu kochen, war unmöglich. Doch widersprachen sie der Königin nicht, verneigten sich nur und verließen den Thronsaal. In ihrer Verzweiflung fragten die beiden Diener jeden, den sie trafen, um Rat, die Köche der Palastküche, die Mägde, einfach jeden, doch keiner wusste um das Geheimnis, wie man aus Steinen Hammelfleisch kochen könne. Doch als sie gerade aufgeben wollten, da kamen sie an einem Birnenbaum vorbei, unter dem sich Schweine im Schlamm suhlten, und als sie nach oben blickten, da sahen sie einen Schweinehirten in der Krone des Baumes sitzen; sahen, wie er süße Birnen aß. Und die beiden Unglücklichen dachten bei sich: Alle haben wir gefragt; fragen wir den auch noch. Sie riefen zum Schweinehirten hinauf: „He, Schweinehirt, sprich, kannst du uns Antwort geben? Die Königin verlangt von uns, dass wir ihr aus STEINEN Hammelfleisch kochen. Und wenn wir es nicht können, so wird sie uns töten lassen. Sag, weißt du, was wir tun sollen?“ Der Schweinehirt warf seinen Schweinen eine angebissene Birne auf die Weide, lachte und sprach: „Das ist eine einfache Aufgabe. Hört: Geht auf die Weide zum Schäfer, schlachtet dort einen fetten Hammel und kocht der Königin ein zartes Hammelfleisch daraus und sie wird zufrieden sein.“ Die Diener blickten erstaunt zum Schweinehirten hinauf, bedankten sich für die Antwort und gingen, der Königin Hammelfleisch zu kochen.

Die Königin aber, die längst mit anderen Gemeinheiten beschäftigt war und die Aufgabe der beiden Diener schon vergessen hatte, aß ihr wunderbar zartes Hammelfleisch und war zufrieden.

Der König jedoch hatte nicht vergessen und ließ die beiden zu sich kommen und fragte: „Sagt, wie habt ihr es geschafft, aus STEINEN Hammelfleisch zu kochen? Ihr wisst es, ich weiß es: es ist nicht möglich. Also sprecht.“ Die beiden Diener wussten nicht, was sagen sollten, und stammelten nur: „Herr, es ist, wir haben … dort draußen, der Schweinehirt, der dort auf der Weide im Birnbaum hockt und süße Birnen isst, der hat es uns gesagt, hat gesagt, wir sollten einfach einen Hammel schlachten, Herr, wir wären sonst des Todes …“ „Das ist mir gleich. Bringt mir den Schweinhirten.“

So gingen die beiden Diener zum Birnbaum zurück und riefen: „He, Schweinehirt, der König verlangt, dich zu sehen. Komm und geh mit uns.“ Der Schweinehirt aber biss in seine Birne,warf den Rest zu seinen Schweinen herunter und sagte: „Sagt dem König, ich habe keine Zeit.“ Da waren die Diener ratlos, gingen zum König zurück und erzählten ihm, was der Schweinhirt gesagt hatte. Da wurde der König furchtbar zornig und begab sich höchstpersönlich zum Birnbaum und rief:

„Heda, Schweinehirt, wie kommt es, dass du keine Zeit hast, wenn der König dich ruft?“

„Ich habe zu tun.“

„Was, bitte“, fragte der König, „was kannst du so Wichtiges zu tun haben, dass du nicht kommen kannst, wenn der König dich ruft, Schweinehirt?“

„Ich muss die Lebenden und die Toten zählen, die es auf der Welt gibt, damit ich weiß, wer mehr ist: Ob es mehr lebende Menschen oder mehr tote Menschen gibt.“

„Ja, und“, sprach der König, der über seine Neugier seinen Zorn vergessen hatte, „zu welchem Ergebnis bist du gekommen?“

„Nun“, antwortete der Schweinhirt und schaute vom Birnbaum auf den König herab, „es gibt genau gleichviel Tote wie Lebendige auf der Welt. Jedoch, wenn ich denjenigen, der den Tod verdient hätte, noch zu den Toten rechnen würde, dann wären diese in der Überzahl.“

Da staunte der König und fragte: „Ja, aber wen würdest du denn zu den Toten rechnen; wer hätte denn nach deinem Sinn den Tod verdient?“

Der Schweinhirt biss in eine Birne und der süße Saft lief ihm aus dem Mund, als er sagte: „Du, König, verdienst den Tod, denn du weißt, wie bitterböse deine Königin ist, weißt darum, dass sie aus reiner Bosheit quält und tötet und willst doch deine Diener ihrem Hass ausliefern. Darum hast du den Tod verdient.“

Als der König hörte, was der Schweinehirt sprach, und verstand, was er meinte, nahm die Krone, die auf seinem Kopf saß, herunter, legte sie zwischen den Schweinen am Fuße des Birnbaumes nieder, ging davon und kam nie wieder.

Nach einem georgischen Volksmärchen


2015 zum ersten Mal gehört im Erzählkreis St. Andre-Wördern, dort erzählt von Claudia Mohr,
dann oft von mir frei nacherzählt und irgendwann hier aufgeschrieben.

Programm: Onkel Tonka’s Gurkenglas-Geschichten

In einem Gurkenglas findet man saure Gurken. Doch als Onkel Tonka in sein Gurkenglas greifen will, holt er keine Gurke heraus:
In seinem Gurkenglas findet er eine Geschichte. Und die will unbedingt erzählt werden…

Der Erzähler läd die Kinder auf eine verzauberte Reise ein, quer durch seine frei erzählten Geschichten und Fabeln, begleitet von den sonderbaren Gestalten und klugen Tieren, die in seinem Gurkenglas stecken.

Christopher Robin erzählt Geschichten, Märchen und Fabeln, begleitet von Flöte, Gitarre, und seinem reiselustigen Koffertheater.

Dauer: zirka 60 Minuten
Für Kindergarten und Grundschule
Bis maximal 30 Kinder