Geschichte: Die Apfelkerne

Eine Zeit lang habe ich für meine Erzählerpersonnage „Onkel Tonka“ nach kurzen Geschichten gesucht, die von einem närrischen Weisen erzählen, ähnlich den Geschichten, die es vom weithin bekannten Narren und Weisen Nasreddin Hodscha gibt. Manche habe ich direkt vom Hodscha übernommen und auf Onkel Tonka umgemünzt. Aber einige habe ich selbst erfunden und manchmal kamen die Ideen von unerwarteter Seite.

Für die Geschichte von den Apfelkernen fand ich folgenden Witz in einer Schülerzeitung meines Sohnes:

Martin: „Hi Johannes, willst du meine Apfelkerne kaufen? Sie machen dich klug. Du bekommst einen für nur 2 Euro!“ Johannes: „Na gut, dann versuch ich einen.“ Er gibt Martin 2 Euro, nimmt den Apfelkern und kaut darauf herum: „Naja. Teuer sind sie aber schon, für zwei Euro hätte ich ja ein ganzes Kilo Äpfel bekommen und dann selbst ganz viele Apfelkerne gehabt…“ Martin: „Siehst du, mein Apfelkern wirkt schon!“

Diesen Witz in einen kurzen Schwank umzuarbeiten, war nicht schwer, denn seinen Kern habe ich nur etwas ausgeschmückt und ausgedehnt. Noch eine kurze Beschreibung von Onkel Tonka und dem Setting, in dem der Dialog stattfand, natürlich ein Basar, ein großer, bunter Marktplatz, davor erzählt und schon war eine nette Tonka-Geschichte fertig zum Vortrag:

Onkel Tonka verkauft Apfelkerne

Der weithin bekannte Onkel Tonka war nicht nur ein furchtbar gescheiter Mensch, der zu allen Dingen des Lebens eine Rat wusste, ja, und das er ein geschickter Handwerker war, war den Leuten wohl bekannt; aber der Tonka war auch ein ausgezeichneter Händler, der sich darauf verstand, seinen Kunden nicht nur seine angepriesene Ware zu verkaufen, sondern auch die ein oder andere, oft teure, Erkenntnis obendrein.

Eines Tages stand Onkel Tonka auf dem Markplatz eines großen Basars, auf welchem es die alltäglichsten, einfachsten wie auch die wundervollsten, exotischsten Waren zu bestaunen, zu betasten, zu kosten und zu kaufen gab. Onkel Tonka aber bestaunte, betastete, kostete und kaufte nichts, nein, er verkaufte; lauthals pries er den vorbeieilenden Marktbesuchern seine Ware an:

„Apfelkerne, frische Apfelkerne, kauft meine Apfelkerne!“

Die Leute hörten das und viele schauten ihn groß an, schüttelten nur mit dem Kopf und eilten dann weiter. Einer jedoch blieb stehen, schaute Onkel Tonka eine zeitlang bei seiner Arbeit zu und fragte endlich:

„He, Onkel Tonka, sag mal, Apfelkerne? Ist das dein Ernst? Du verkaufst Apfelkerne? Die kauft dir doch im Leben keiner ab!“
„Ach,“ sprach da Onkel Tonka, „ich finde sicher jemanden, der mir meine Apfelkerne abkauft. Es sind schließlich besondere Apfelkerne . . .“
„Soso,“ sagte der Eine, „was ist denn an deinen Apfelkernen so besonders?“
„Sie machen gescheit! Wer von meinen Apfelkernen isst, der wird klug. Versuch doch mal einen und du wirst erstaunt sein, welche Erkenntnis er dir bringt!“
„Na, ich weis nicht . . . was sollen sie denn kosten?“
„Nur zwei Taler pro Apfelkern! Ein besonders günstiges Angebot.“
„Was, zwei Taler? Pro Stück? Das ist ja viel zu viel!“
„Ja, aber bedenke doch: sie machen klug!“
Der Eine überlegt hin und her: „Na gut, gib mir einen, ich versuche es.“

Er gab also zwei Taler hin und bekam dafür einen Apfelkern, den er in seinen Mund steckte und andächtig darauf herum kaute. Da sagte er mit einem Mal: „Aber ehrlich, Onkel Tonka: zwei Taler ist schon ziemlich teuer für einen Apfelkern; für zwei Taler bekomme ich schließlich dort vorn beim Obsthändler ein ganzes Kilo Äpfel, und dann hätte ich Apfelkerne noch und nöcher . . .“

„Na siehst du,“ antwortete ihm der Tonka da, „meine Apfelkerne wirken schon!“

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