Sage: Die Nisslburgsage

Die alte Sage von der Nisslburg ist sicher eine der bekanntesten Sagen, die wir heute noch von der Stadt Leifers erzählen hören, in ihr werden die alljährlich wiederkehrenden, allesverschlingende Muren und Erdrutsche thematisiert, es wird erzählt von dem einfachen Leben und wie plötzlicher Reichtum die Menschen so manches Mal überheblich und grausam werden lässt.

Während dem Leiferer Sagenprojekt im Seniorenzentrum Leifers, von dem auch in der Leiferer Stimme berichtet wurde, war diese Sage die zweite, die wir gemeinsam bearbeitet haben; doch schon bald war deutlich, das die Nisselburgsage bei der Vorstellung unserer Sagen die erste in der Reihe sein müsse, da wir in ihr erfahren, wie einst die Stadt Leifers entstanden sein soll. Denn wäre einst die Nisslburg nicht untergegangen, hier wohnten heute nicht die Leiferer, sondern wohl die Nisslburger…

Marianne erzählte:

Man hat gehört das in Südtirol alleweil wieder Täler überschwemmt, übermurt werden, das durch Unwetter Wasser, Schlamm und Geröll, ja ganze Bäume die Berghänge hinabrauschten und alles, was ihnen im Wege stand, mit sich rissen und nichts mehr übrig liessen als eine breite Schneise der Verwüstung. So wars auch einmal in Leifers geschehen, da ist die einstige, heute nur mehr dieser Sage nach bekannte Stadt Nisslburg überschwemmt wurden.

Die Nisslburger waren einst ganz einfache, brave Leut gewesen, die haben gemütlich beieinand gelebt, Acker und Gartenwirtschaft getrieben, grad so, das es für alle gereicht hat, es ist lei a kleines Dörfl gewesen, es war, wenn wir so sagen wollen, eine Idylle, eine bäuerliche Idylle gewesen.

Eines Tages kam nun ein Zauberer in der Stadt vorbei. Der hat um Unterkunft gefragt und den haben die Nisslburger fröhlich aufgenommen, haben ihn verköstigt, haben ihn gut behandelt, haben ihm das beste an Gastfreundschaft gegeben, was sie denn in ihrem einfachen Leben selbst grad hatten. Und wie sie zusammen saßen, der Zauberer mit den Leuten von der Stadt, da er hat erzählt, wo er so gereist ist, und hat auch von dem Brantensee erzählt, der da war, wo heut des Brantental ist: Dort sollen wohl die Bergmandlen leben, in einfachen Höhlen hausten sie bescheiden und taten nichts anderes, als in den tiefen des Berges Silber und anderes Erz abzubauen. Wie der Zauber das so erzählte, da wollten die Nisslburger sich das gern mal anschauen und die Bergmanderl mal sehen.

Da hat sich der Zauberer dann mit den Nisslburgern den Brantenberg hinauf gemacht und hat sie mit den Bergmaderln bekannt gemacht, ja, es wurde eine gesellige Runde, alle haben sich erzählt wer sie wärn und was sie so tun und sie verstanden sich gar aufs beste. Der Zauberer sah das mit Freude und verabschiedete sich bald, um seine weiten Reisen wieder fort zu setzen.

So haben die Nisslburger mit den Bergmaderln Freundschaft geschlossen und weil die Bergmanderln herzensgute Wesen waren, so schenkten sie vor lauter Freundlichkeit den Menschen der Stadt Nisslburg ihr Silber und was sie halt so im Berge abbauten. Die Nisslburger waren freilich ganz begeistert von der Großzügigkeit der Manderl, haben die Geschenke gern genommen, und im Tale verkauft. Und weil sie bald wieder die die neuen Freunde im Brantenberg besuchen gingen und alleweil öfter und ein jedesmal die Erträge des Berges als Geschenk mit heim nahmen, wurden sie wohlhabend und sind aus ihrem einfachen, guten Leben herausgewachsen.

Bald bekamen die Nisslburger den Hals nicht mehr voll und alle Tage waren sie oben und wollten mehr und die Bergmanderl haben ihnen auch immer mehr gegeben.

Der Reichtum stieg aber den Nisslburgern noch mehr zu Kopfe, sie wurden überheblich und missgünstig, bald schauten sie auf die Bergmanderl herab, tickten und ärgerten sie, wo sie nur konnten, treiben es bald immer ärger, misshandelten die armen Wesen, die nicht wussten, wie ihnen geschah.

Christopher erzählte:

Die Nisslburger bekamen aber den Hals nicht voll und wollten immer noch mehr und mehr, die Bergmanderl waren dabei so gute Wesen, das sie den Menschen nachgaben und ihnen immer noch von ihren Schätzen aus dem Berg holten. Und die Nisslburger wurden reicher und reicher und je reicher sie wurden, desto unleidlicher wurden sie, wurden herrisch gegenüber jeden, den sie geringer schätzten, verachteten die Armut und das bäuerliche Leben.

Und als die Nisslburger schon längst vergessen hatten, von wem sie ihren Reichtum hatten, den Zauberer nicht mehr erinnerten, der sie mit den Bergmanderln bekannt gemacht hatte, als sie schon längst vergessen hatten, das sie einst ein einfaches und armes Leben gehabt hatten, da nahm das Unglück seinen Lauf.

Norma erzählte:

Und da kimmt auf der staubigen Landstrasse ein Wanderer daher. Ein weißer Mann, einen Wanderstock in den Händen, mit silbergrauen, langen Haar und an schneeweißen Bart, sein Gesicht war von Strenge und Kummer gezeichnet. Er schaut nach links, er schaut nach rechts, er sieht ein paar Kinderlen vor den Häusern spielen, hält sich aber nicht auf und geht schnurstracks weiter bis zum Dorfplatz, wo grad die Nisslburger eine Versammlung abhielten. Und wie er da ankommt, da schauen die Nisslburger auf und wie er da stehen bleibt und nichts sagt, nur schaut, da fährt ihn der Dorfälteste an: „Verschwind, alter Mann, du hast hier nichts zu suchen! Wer bist du überhaupt, das du hier unsere Versammlung störst?“.

Der weiße Mann aber sagte nur:

„Ich bin so alt,
weiß den Schmalbergwald
neunmal Wies' und neunmal Wald,
den Schlern wie ein Nußkern,
is Joch Grimm
wie a Messerkling',
aufm Rittner Horn
's beste Korn
und auf Weißenstein
Traminer Wein."

und er steht weiter und rührt sich nicht und die Leute am Platz sind plötzlich stille, da spricht er weiter: „Leit, lassts ab von eure Freveltaten, erinnerts enk net, wo ihr enkren Wohlstand, enkren Reichtum her habts? Was euch die Bergmanderln gutes getan haben?“ Aber die Nisselburger lachten ihn aus, spotteten den alten Mann, der nicht nachgab und wieder sprach: „Lassts das halt, besinnt euch auf das Gute, welches einst in euren Seelen wohnte!“ Aber sie hörten ihm nicht einmal zu, und schon kamen ein paar starke Manderl daher und drohten, den Alten in die Etsch herabzuwerfen, die anderen beginnen Steine zu werfen und sie jagten ihn aus der Stadt hinaus! Der weiße Mann aber geht voller Zorn und geschwinden Schritt auf den Berg hinauf, wo heut das Peterköfele steht, und wie er oben ist, dreht er sich um und schreit hinunter mit zorniger Stimme:

„Nisslburg muss unter gehen,
kein Haus oder Hof darf aufrecht stehn,
ob arm, ob reich
hinab, hinab ins nasse Grab!“

Dreht sich um und geht oben zum Brantensee und befiehlt den Bergmanderln, den See anzugraben, und bald bricht der See zu Tale und reißt alles mit hinab und fegt mit Gewalt die ganze Stadt Nisslburg dahin.
Seit diesem Tage war die Nisslburg fort und verloren, und auch die Bergmanderl sah man nie wieder.

Zwei Höfe aber sein übrig geblieben, waren verschont von den Wassermassen, und von diesen aus wurde die Stadt neu gebaut und wurde dann später zur Stadt Leifers, in der wir heut alle leben.

Die alte Variante der Nisslburgsage findet ihr unter www.sagen.at

Blogbeitrag: Das Leiferer SagenProjekt

One Comment on “Sage: Die Nisslburgsage

  1. Pingback: Der Schatz auf dem Peterköfele – GOYA

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